03.12.2005

Wächter, wie lange noch?


Aus Seïr ruft man mir zu: / Wächter, wie lange noch dauert die Nacht? / Wächter, wie lange noch dauert die Nacht? Der Wächter antwortet: / Es kommt der Morgen, es kommt auch die Nacht. / Wenn ihr fragen wollt, kommt wieder und fragt!
(Jes 21, 10f)

Als ich dieses Stelle heute morgen las musste ich wieder an die Wächter unserer Tage denken, v.a. an die Nonnen und Mönche, deren Existenz in unserer Welt ja auch in unserer Kirche sehr oft nicht verstanden und andererseits zuweilen auch romantisiert und idealisiert wird. Dieses Wachen im Herzen der Kirche, dieses Warten auf die Wiederkunft des Herrn hat zweifellos prophetischen Charakter, aber die Mönche und Nonnen wissen in ihrer Demut sehr wohl auch um ihre menschlichen Grenzen; sie verstehen sich nicht als Wundertäter oder Wahrsager, nicht einmal als Kontrastgessllschaft verstehen sie sich. Sie sind einfach auf ihrem Wachposten und die Antwort, die sie uns auf unsere drängenden Fragen geben sind so einfach und so tief, wie jene aus dem Buch Jesaja. Das kann uns u.U. enttäuschen, speziell, wenn wir von ihnen tiefsinnige Ratschläge für unser Leben erwarten. Aber oft stellt sich das, was uns zunächst als allzu banal und einfach vorkommt als tiefe Weisheit heraus. Und damit entspricht die Existenz der Wächter der Logik des menschgewordenen Gottesssohnes, der die Banalität unseres Lebens geteilt hat.

Der morgige Sonntag stellt uns den Vorläufer Johannes vor Augen. Worin aber besteht sein Vorläufertum? Doch v.a. in der radikalen Existenz des Wächters, der voll Freude zu jubeln beginnt, als er den Verheißenen sieht,  sich selber aber ganz zurücknimmt: ER muss machsen, ich aber muss abnehmen; darin besteht auch das Vorbild dieser großen Gestalt für das christliche Mönchtum.

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